Medizin. Laut einer Studie Gmünder Ersatzkasse GEK gehen wir Deutschen im internationalen Vergleich deutlich häufiger zum Arzt als alle anderen. Doch worauf basieren diese Zahlen überhaupt? Wann waren sie das letzte Mal beim Arzt? Gestern? Letzte Woche? Würden wir einer Studie im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse GEK glauben schenken, dann dürfte ihr letzter Arztbesuch nicht länger als drei Wochen zurückliegen. Denn anders ließen sich die durchschnittlichen 18 Arztbesuche eines deutschen Bundesbürgers pro Jahr nicht erklären. Die Meldung sorgte in der vergangene Woche für viel Aufsehen und die meisten Medien druckten ohne kritische Überprüfung einfach ab (hier, hier oder hier), was ihnen da von der Gesundheitslobby vorgesetzt worden war. Hätten die übereifrigen Journalisten nämlich einmal kurz inne gehalten, wäre ihnen aufgefallen, dass die Studie erhebliche Mängel aufweist und aufgrund einer absurden Zählweise keinerlei vergleichbare Daten liefert. Getreu dem Motto: Traue keiner Statistik, welche du nicht selbst gefälscht hast.
Alles eine Frage der Definition
Ganze 18 Arztbesuche pro Jahr, also im Schnitt einer aller drei Wochen, sollen es sein. Skeptisch hätte man beispielsweise bei der Lektüre eines Artikels zum Thema im Webangebot der Tagesschau werden können. Dort heißt es nämlich:
“Die Barmer GEK hat für die Untersuchung die ambulanten Daten von 1,7 Millionen Versicherten der ehemaligen Gmünder Ersatzkassen (GEK) aus den Jahren 2004 bis 2008 ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Die Krankenkasse räumt ein, dass mit der Einführung der Abrechnungspauschalen eine direkte Auszählung nicht mehr möglich sei.”
Entscheidend ist der letzte Satz, welcher uns einen wichtigen Hinweis gibt. Die findigen Statistiker haben nämlich nicht etwa die Zahl der tatsächlichen Arztbesuche einfach zusammengezählt, sondern lediglich Rückschlüsse aus der Zahl der Behandlungsfälle bezogen. Die Rechnung lautete folgendermaßen: Je Behandlungsfall seien im Schnitt 2,5 Arztkontakte nötig gewesen. Insgesamt hatte jeder Bundesbürger 7,5 Behandlungsfälle, was multipliziert mit den Arztkontakten 18,1 Arztbesuche ergeben soll. Leider oder vielleicht absichtlich haben die Mathematiker bei dieser Rechnung die schwierige Definition eines “Behandlungsfalles” vergessen. Die Bundesärztekammer drückt sich zu diesem Thema so aus:
“Als Behandlungsfall gilt für die Behandlung derselben Erkrankung der Zeitraum eines Monats nach der jeweils ersten Inanspruchnahme des Arztes.”
Jetzt muss die Ärztekammer im gleichen Text jedoch auch einräumen, dass die Zählweise eines Behandlungsfalls nicht immer ganz einfach ist. Speziell geht es um die Formulierung “derselben Erkrankung”. Denn dazu heißt es: “Häufig werden alle Komplikationen einer Erkrankung bereits als neuer “Behandlungsfall” betrachtet.” Konkret bedeutet dies für die Zählweise der Arztbesuche folgendes: Angenommen Patient x geht aufgrund einer Erkrankung zum Arzt (1. Behandlungsfall). Wenige Tage später stellen sich beim Patienten x jedoch Komplikationen ein, welche als Ursache die eigentliche Erkrankung haben. X beschließt deshalb erneut zum Arzt zu gehen. Dieser rechnet die Komplikationen jetzt als zweiten Behandlungsfall ab. Im Extremfall ergibt dies laut Rechnung der Statistiker dann fünf Arztbesuche, wobei in unserem Beispiel ja nur zwei Arztbesuche stattgefunden haben. Kritisch an der Studie ist, dass sie sich nur mit der Zahl der Behandlungsfälle beschäftigte und nicht mit der Zahl der Arztbesuche. Die wiederum hat man nämlich einfach einer Studie der OECD entnommen, deren Zahlen jedoch teilweise als veraltet gelten.
Daher ist es kaum möglich in dem Wirrwarr aus Zahlen und Definitionen den Überblick zu bewahren. Noch viel verwirrender wird die Zählweise, wenn man sich anschaut, dass ein Arztbesuch auch dann gezählt wird, wenn man selbst überhaupt nicht beim Arzt gewesen ist. Klingt komisch? Ist aber so. Die Untersuchung einer Blutprobe im Labor, welche ja meist nicht vom Hausarzt vorgenommen wird, zählt nämlich ebenfalls als Arztbesuch. Sie waren zwar nicht anwesend, aber ihre Körpersäfte.
Warum diese Manipulation?
Man muss als davon ausgehen, dass wir mit diesen Zahlen einer Manipulation unterliegen. Uns soll eingeredet werden, wir würden viel zu oft den Arzt aufsuchen, womit sich wiederum zwangsläufig höhere Gesundheitskosten ergeben würden. Es ist also nicht die Schuld einer fehlgeleiteten Gesundheitspolitik, sondern des normalen Bürgers. So zumindest die offizielle Statistik.
Februar 1st, 2010 at 21:56
Nach den offiziellen OECD-Daten liegt D im guten Mittelfeld. Sowohl bei den Arztbesuchen als auch bei den Gesundheitskosten.
http://peltiertech.com/images/2009-12/Spend-Life-XY2.png
Februar 8th, 2010 at 08:45
@Denny: ja und? das ändert nix an der Tatsache, dass die Zahlen nicht der Realität entsprechen und unter anderem als Grund für steigende Arzt- und Behandlungskosten erangezogen werden