Debatte. Herr M. erklärt in einem Kommentar, warum man Sendungen wie Anne Will besser nicht mehr schauen sollte, falls man an richtiger Bildung noch interessiert sein sollte. Das Thema war aktuell, es hätte genug Gesprächstoff gegeben, um die Sache richtig angehen zu können. Doch Tiefgründigkeit ist eine der Eigenschaften, welche man in den Polittalks dieser TV-Nation meist vergeblich sucht. Manche Sendungen sind sogar so manipulierend gestrickt, dass man sie glatt boykottieren sollte. Das Talk-Format Anne Will ist da nur die Spitze des Eisberges. Schon beim Blick auf die Gästeliste der gestrigen Sendung hätte einem schnell klar sein müssen, wie die Gewichtung der Redaktion ausfällt. Das perfide unausgesprochene Motto: Arme reiche Steuersünder, böser gesellschaftlicher Mob. Auf der einen Seite die beiden kritische eingestellten Politiker Sarah Wagenknecht (Die Linke) und der linkeste unter den CDU Politikern, Heiner Geißler. Dass die beiden extrem polarisieren ist klar. Schon allein deshalb werden sie regelmäßig in Politsendungen eingeladen. Leider werden ihre Argumente dabei allzu oft pauschal als linke Spinnereien abgetan oder von den übereifrigen Neoliberalen übertönt. Die Rolle dieser durften dieses Mal (schon wieder) Hans-Olaf Henkel, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, der Vermögensberater Christian von Bechtolsheim und der Managmentberater Reinhard K. Sprenger einnehmen. Es hieß also zwei gegen drei, was schon von vornherein ziemlich unfair erscheint, bei der Willschen Couchbesetzung jedoch meist die Regel ist. Damit solche Missverhältnisse beim Zuschauer jedoch nicht erst auffallen, wird noch ein wenig getrickst. Und so wurde uns der Henkel in einem Beitrag der Redaktion sogar als unabhängiger Neutraler verkauft. Dass Henkel selbst ein Millionär sein dürfte, ist da noch das kleinere Übel.
Faule Argumente
All diese Dinge hätte man ja getrost noch als kleine Fehler und Ungereimtheiten der Redaktion abtun können, wenn da nicht auch etwas faul an der Moderatorin gewesen wäre. Anne Will zeichnet sich, wie viel ihrer Kollegen, durch dezente Unwissenheit aus. Dies wird beispielsweise an jener Stelle deutlich, als Henkel die Zuschauer mit dem Argument besoffen redet, immer mehr Menschen verließen Deutschland Richtung Ausland, weil hierzulande die Steuerlast zu hoch wäre. Als Beispiel musste die Schweiz herhalten, was schon für sich genommen falsch ist. Eine Mehrheit der deutschen Auswanderer (nicht nur in die Schweiz) entscheidet sich für diesen schweren Schritt nicht aufgrund zu hoher Steuerbelastungen, sondern weil sie schlicht und ergreifend hier keine Arbeit mehr finden. Und wer arbeitslos ist, zahlt entsprechend weniger Steuern. Derartige Verknüpfungen scheinen für Anne Will jedoch eine zu große geistige Belastung darzustellen, weshalb sie Henkel in ihrer Manipulation noch bestärkt und tatsächlich fragt, wer denn hierzulande Steuern zahlen soll, wenn niemand mehr hier wäre.
Griff in die argumentative Mottenkiste
Von Seiten der Moderation, geschweige denn der Redaktion, war eine tief greifende Betrachtung zum Thema reiche Steuersünder also kaum zu erwarten. Henkel und seinen beiden Gesinnungsgenossen wurde damit die Arbeit deutlich einfacher gemacht. Von Zufall möchte man da kaum noch sprechen. Bewusst war auf jeden Fall der trickreiche Griff in die argumentative Mottenkiste, wenn man zur Oberschicht in diesem Land gehört. Henkel kam mit dem altbekannten Kniff zu behaupten, die Reichen in diesem Land würden durch die Einkommensteuer enorm belastet. Was Henkel an dieser Stelle bewusst verschweigt, sind die vielen anderen großen Einnahmequellen, über welche der Staat verfügt. Es sei nur der der großen Batzen der Verbrauchssteuern (Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer, Tabaksteuer…) zu nennen, welcher bekanntlich einen Großteil des Gesamtsteueraufkommens mit ausmacht. Dieser wird allerdings von der breiten Masse der Bevölkerung getragen. Es ist eben alles ein wenig relativ. Von solchen Kleinigkeiten, wie steuerlich absetzbare Geschäftsessen, wollen wir an dieser Stelle nicht noch extra anfangen. Wir sind ja schließlich nicht kleinlich.
Unterdurchschnittliche Steuerlast
Sowohl von Redaktion als auch von den neoliberalen Staatszerstörern musste man jedoch noch einige weitere Scheinheiligkeiten und Manipulationen ertragen. So wurde munter die Behauptung verbreitet, Deutschland sei Spitze bei Steuern und Sozialabgaben. Wer sich jetzt an die FDP erinnert fühlt, tut dies nicht ohne Grund. An der Behauptung ist nur leider nichts Wahres dran. Die Gesamtabgabenlast ist im EU-Vergleich sogar unterdurchschnittlich. Noch falscher wird die Behauptung, wonach die Steuern- und Abgabenlast in den letzten Jahren gewachsen wäre. Stimmt nicht, denn 1996 noch lag die Last noch bei “sagenhaften” 49,2 Prozent. Bis zum Jahr 2008 ist sie 43,9 Prozent gesunken. Von den rot-grünen und späteren schwarz-roten Entlastungen haben übrigens mehrheitlich Besserverdienende profitiert. Henkel und Co. wissen das, verdrehen jedoch die Tatsachen, damit sie weiterhin munter behaupten können, Steuerkriminelle (Nicht anderes sind Steuerhinterzieher) täten ihr Geld nur aus Notwehr auf ausländischen Konten bunkern.
Wer also etwas für seine Bildung tun möchte, der sollte sich lieber ein gutes Buch schnappen, anstatt den Sonntagabend mit Anne Will gucken zu verschwenden. Informationsgehalt gleich null, Manipulationsverdacht dagegen astronomisch hoch.
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