Politik. Die Reformgegner von “Wir wollen lernen” haben sich in der gestrigen Volksabstimmung gegen die Pläne des schwarz-grünen Senats durchgesetzt. Lernen können wir daraus zwei Dinge: Das Bürgertum bleibt lieber unter sich und sozial Schwache gehen nicht wählen. Schon der Name der Initiative klingt wie blanker Hohn, denn mit “Wir wollen lernen” werden bei weitem nicht alle Hamburger Kinder gemeint, sondern nur jene, welche Dank Mammi und Pappi aus gutbetuchten Elternhäusern kommen. Ausgeschlossen werden hingegen all jene, welche vom Schicksal in eine sozial schwache Familie gesteckt wurden.
So hätte es sein können
Am Sonntag waren mehr als eine Million Hamburger dazu aufgerufen, über das zukünftige Schulsystem der Hansestadt abzustimmen. Nur knapp 40 Prozent der Wahlberechtigten machten von ihrer Stimme überhaupt gebrauch. Wir lernen also: Knapp 60 Prozent der Hamburger ist die Zukunft ihrer Kinder entweder egal oder sie sind so frustriert, dass sie keinen Sinn in besseren Bildungschancen mehr sehen. Den Kern des schwarz-grünen Projektes bildete der radikale Umbau des schulischen Bildungsweges. Statt bisher vier hätten die Schüler zukünftig sechs Jahre gemeinsam in einer so genannten Primarschule gelernt. Ab der 7. Klasse wäre es dann entweder auf das reguläre Gymnasium mit insgesamt sechs Schuljahren gegangen oder auf die neu entwickelte Stadtteilschule. Hier wären dann alle Kinder gemeinsam bis zur zehnten Klasse unterrichtet worden. Wer es bis dahin schafft, macht zunächst den Realschulabschluss. (Übrigens auch auf dem Gymnasium möglich) Bei entsprechenden Noten wäre es dann für die verbleibenden Schüler mit einer dreijährigen Oberstufe weitergegangen, an deren Ende das Abitur gekommen wäre. Wie man dem “wäre” allerdings entnehmen kann, ist aus hochgesteckten Plänen nichts geworden. Die Hamburger haben anders entschieden. Die sechsjährige Primarschule wird es nicht geben…
So wird es künftig sein
Exakt 276.304 Hamburger votierten am Ende für einen Erhalt des bisherigen Systems. Heißt also: Kein längeres gemeinsames Lernen, sondern weiterhin die knallharte Selektion nach der vierten Klasse. Nur 218.065 ließen sich von den Plänen des Senats überzeugen. Wir lernen also: Hamburger leben bildungspolitisch am liebsten in der Steinzeit. Alles Kämpfen hat den Befürwortern der Reform nichts gebracht. Die Ironie: Alle in der Bürgerschaft vertretenden Parteien (CDU, GAL, SPD und Linke) hatten für die Bildungsreform geworben. Allein die Bürgerinnen und Bürger wollten die Pläne nicht mitmachen. Das heißt, eigentlich sind es die eher Besserverdienenden, welche sich in den letzten Monaten als Reformgegner outeten und sich der Unterstützung durch die Medienmacher von der Elbe sicher sein konnten. Ins Bild passt, dass “Wir wollen lernen” ausgerechnet von einem Rechtsanwalt gegründet wurde. Wir lernen: Bessergestellte bleiben in vielen Lebenslagen lieber unter sich – auch in Sachen Bildung.
Eine Abstimmung der Mittel- und Oberschicht
Schaut man sich das Ergebnis und insbesondere die Wahlbeteiligung im Detail an, so wird schnell deutlich, weshalb die Reformgegner am Ende siegreich aus der Abstimmung hervorgingen. Besonders hoch war die Wahlbeteiligung besonders in Hamburger Stadtteilen, welche von Besserverdienenden bewohnt werden. Insbesondere waren das Nienstedten, Blankenese, Othmarschen sowie die Stadtteile Wellingsbüttel, Volksdorf und Wohldorf-Ohlstedt. All jene erreichten eine Beteiligung von über 50 Prozent. Ganz anders dagegen in den klassischen Vierteln voller sozialer Probleme: In St. Pauli, Dulsberg, Steilshoop beteiligte sich gerade einmal jeder Vierte an der Abstimmung. Die Befürworter haben es demnach nicht geschafft, genau hier zu mobilisieren. Warum besonders Sozialschwache nicht zur Wahl gingen? Dafür gibt es zwei Gründe: Entweder die betroffenen Eltern haben aufgrund ihrer eigenen Biografie schon lange resigniert (Stichwort Teufelskreis: Unterschicht produziert mehrheitlich Unterschicht. “Ein Aufstieg ist ohnehin nicht möglich.”)) oder ihnen ist es einfach egal. Beides ist allerdings kein Grund, den Kindern ihre Chance auf bessere Bildung zu verbauen. Man muss allerdings auch erwähnen, dass bei einer großen Gruppe potenziell Betroffener auch die überzeugendste Werbung nichts gebracht hätte, denn über 200.000 Ausländer ohne deutsche Staatsbürgerschaft konnten an dem Volksentscheid nicht teilnehmen. Bedenkt man nun, dass gerade deren Kinder von einer Schulreform profitiert hätten, können wir daraus schließen: Jene, welche von der Reform profitiert hätten, durften überhaupt nicht wählen. By the way: Hat eigentlich jemand auch einmal daran gedacht, die Kinder zu fragen?
PS: Den Reformgegnern sei u.a. folgende Arbeit ans Herz gelegt.
Juli 20th, 2010 at 10:18
Wieso werden eigentlich Familien mit wenig Geld immer als “sozial schwach” verunglimpft? Sie sind “wirtschaftlich schwach” — das hat mit “sozial” gar nichts zu tun.
Juli 20th, 2010 at 14:36
sozial schwach ist auch im wirtschaftlichen sinne gemeint.
August 2nd, 2010 at 13:41
Eltern sind halt Egoisten, erst kommen ihre Kinder und dann vielleicht die Kinder der Anderen. Wobei hier noch festzustellen ist, dass die Eltern der benachteiligten Kinder vielfach nicht zur Abstimmung gingen und zum Teil überhaupt nicht verstanden haben, dass es um ihre Kinder und deren Lebenschancen geht. Damit haben sich die Bessergestellten durchgesetzt und verhindert, dass ihren Kindern eine unerwünschte Konkurrenz erwächst. So einfach ist das.